Nach dem Zweiten Weltkrieg machte der Niederländer Gerard Croiset (1910-1981) als
Heiler und
Hellseher von sich reden (
40,2 KByte). Croisets Anliegen war es, das Leid der Menschen lindern zu wollen. Auffallend war die für andere selbsternannte "
Hellseher" oft fehlende kritische Selbsteinschätzung Croisets. Er prahlte nicht mit hundertprozentigen Trefferquoten, er wußte um seine Grenzen und um die ständige Arbeit seiner
Phantasie, die ihm so manches
außersinnliche Bild verdunkelte und verschob. Die vielen Mißerfolge, die sich bei seinen
präkognitiven Beratungen einstellten, veranlaßten Croiset diese Art der Beratungstätigkeit aufzugeben.
Croiset zeigte Vorlieben für bestimmte Fälle und Situationen, die sich auf tiefenpsychologisch bedeutsame biographische Ereignisse in seinem Leben zurückführen lassen. Eine Spezialität von Croiset war es, Angaben über Vermißte zu machen, die ertrunken waren: als achtjähriger wäre Croiset selbst beinahe ertrunken, als er von einem Spielkameraden ins Wasser gestoßen wurde (
Croiset in Japan).
Aber es waren die seltenen, aber bisweilen überaus genauen
präkognitiven Eindrücke und die Verbindung von eigenen prägenden Erlebnissen mit der charakteristisch ausgebildeten
paranormalen Begabung, die den Psychologen Prof. W. H. C. Tenhaeff (
23,6 KByte) veranlaßten, Croisets Fähigkeiten eingehend zu studieren. Tenhaeff begann ein Experiment wiederzubeleben, das in den Annalen der
Parapsychologie fast schon vergessen war. Der französische Seher Pascal Forthuny hatte es in den 20er Jahren erfunden. Forthuny unternahm es, spezifische Aussagen über eine Person zu machen, die zu einem späteren Zeitpunkt auf einem bestimmten Platz in einem Auditorium sitzen wird (
Platzexperiment). Croiset erwies sich bei diesem Experiment als überaus erfolgreich, während er bei Versuchen mit
Zener-Karten nur durchschnittliche Ergebnisse zustande brachte.
In der Folge führte der Freiburger
Parapsychologe Prof. Hans Bender (
24,8 KByte) zahlreiche dieser berühmt gewordenen "
Platzexperimente" durch (
Ein Platzexperiment mit Gerard Croiset (1)). Die Aussagen, die Croiset bei diesen Versuchen machte, waren bruchstückhaft, kleine Szenen, die ihm plötzlich wie
Traumbilder vor dem inneren Auge standen, bisweilen Worte, die er hörte und deren Zusammenhang mit der Zielperson er nicht kannte. In den meisten Fällen waren es kleine emotional betonte Erlebnisse, die Croiset fragmentarisch wiedergab. So nebensächlich sie gelegentlich zu sein schienen, umso überzeugender waren sie oft für die Person, auf die sie, wie es schien, gemünzt waren.
Tenhaeff beobachtete, daß Croiset, wenn ihm die Wahl des Stuhles überlassen blieb, auf dem die später zufällig ausgewählte Person sitzen würde, zumeist Personen schilderte, deren emotionale Komplexe seinen eigenen Erlebnissen verwandt waren. Offensichtlich wird die Produktion von
paranormalen Eindrücken durch
unbewußte Komplexe gespeist. Das war eine sehr aufschlußreiche Beobachtung, die einen Einblick in die tiefenseelische Dynamik des
Paranormalen gewährte.
Paranormale Fähigkeiten können zu einem Ventil werden, das unaufgearbeitete Probleme, Traumata und Affektspannungen auf ungewöhnlichem Weg Ausdruck verleiht.
Ein auffälliges Merkmal von Croisets
präkognitiven Fähigkeiten war, daß sie sich nur in der spielerischen Situation bewährten. In Ernstfällen war seine Ausbeute an richtigen Aussagen wesentlich geringer. Hans Bender sah darin eine Schranke, vor der "zweckhaft gewollte und eingesetzte
Prophetie vor dem Geheimnis menschlichen Schicksals kapitulieren müßte."
In der Rückschau zählt Croiset zu den großen Glücksfällen der
parapsychologischen Forschung: ein außerordentlich
Psi-Begabter, der sich nicht davor scheute, seine Fähigkeiten uneingeschränkt der wissenschaftlichen Erforschung zugänglich zu machen.
Dr. Elmar R. Gruber