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Juri Rytcheu
Der letzte Schamane
Die Tschuktschen-Saga


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Familiengeschichte, Epos des eigenen Volkes und Schöpfungsmythos verschmelzen in diesem Roman.

Meine Ahnentafel gleicht dem Tundragewächs Junëu - der Goldenen Wurzel, die fest in der Muttererde verankert ist. Sie sitzt nicht tief, denn der ewige Frost macht den Boden hart. Aber kein Sturm kann sie ausreißen, keine Kälte ihre Wurzeln abtöten. Genauso stelle ich mir meine Wurzeln vor, die ich in diesem Buch bis zu den frühsten Ursprüngen zu ergründen suche.

Bis zurück zum ersten Menschen, der der Verbindung der Urmutter mit dem Wal entsprang, kann Juri Rytchëu seine Ahnenlinie zurückverfolgen. Seine Familiengeschichte ist zugleich die Saga des tschuktschischen Volkes. Denn von Generation zu Generation wurden seit Anbeginn der Zeiten die Taten, Verdienste und Schicksalsschläge weitergegeben.

Wir hören von Göttern, Geistern, Forschern, Händlern, Zaren und Revolutionären, vom Segen der Nähnadel, vom Fluch des Alkohols. Eine fremde, barbarische Zivilisation voll technischer Wunder bricht über die kleine Siedlung an der Küste herein. Die hohe Kunst, im Einklang mit den rauen Naturkräften der Arktis zu leben, droht in Vergessenheit zu geraten.

Da beschließt der Schamane Mletkin auf eine große Reise zu gehen. Unstillbare Neugier und Wissbegier treiben ihn an, andere Sprachen zu lernen, die großen Städte zu sehen. Sein wacher Blick durchschaut die seltsamen Gebräuche der Weißen. Er staunt über die Absurditäten ihres Lebenswandels. Aber unablässig sucht er die Wahrheit in der Fülle ihrer Kenntnisse.

Als er schließlich an sein heimisches Ufer am arktischen Meer zurückkehrt, versucht der letzte Schamane der Tschuktschen, das alte und das neue Wissen zu vereinen, um seinem Volk eine Zukunft zu sichern.

Leseprobe:
Nach altem Brauch wird die Abstammung eines Menschen als Baum mit vielen verzweigten Ästen dargestellt.
Wo ich geboren wurde, da wachsen kein Wald und keine hohen Bäume. Aber das heißt nicht, dass es dort überhaupt keine Pflanzen gibt. Es gibt sogar Birken, Zedern, Weiden, Erlen. Allerdings ragt die Krone des größten dieser "Bäume" nur wenige Zentimeter aus dem Erdboden.
Meine Ahnentafel gleicht dem Tundragewächs Junëu - der Goldenen Wurzel, die fest in der Muttererde verankert ist. Sie sitzt nicht tief, denn der ewige Frost macht den Boden hart. Aber kein Sturm kann sie ausreißen, keine Kälte ihre Wurzeln abtöten.
Genauso stelle ich mir meine Wurzeln vor, die ich in diesem Buch bis zu den frühesten Ursprüngen zu ergründen suche.
Viele Berichte über meine Vorfahren, insbesondere über die fernen, sind nicht dokumentarisch belegt, weder auf Papier noch in einer anderen Form, über die die moderne Zivilisation verfügt, wie sonst üblich bei historischen Personen. Aber sie leben im Gedächtnis der Menschen, wie auch unsere Vergangenheit in der Erinnerung weiterlebt, sie wird von Generation zu Generation mündlich weitergegeben. Die zeitlich jüngeren Ereignisse treten natürlich deutlicher hervor. Je weiter das Leben meiner Vorfahren in die Vergangenheit zurückreicht, desto nebelhafter erscheint es. Um es wieder zu erwecken, muss ich nicht nur mein Gedächtnis anstrengen, sondern auch meine Vorstellungskraft, gleich einem Künder vergangener Zeiten.
Möglich, dass meine Berichte über die vergangene Zeit von den so genannten wissenschaftlichen Forschungen abweichen. Hier bin ich bereit, mit den Männern der Wissenschaft zu streiten. Erstens, woher nehmen sie die Gewissheit, das ihre eigenen Berichte wahr sind, wenn sie kein einziges Mal am Abend den langen Geschichten der berühmten Legendenerzähler zugehört haben, wie zum Beispiel dem Walrosselfenbeinschnitzer Nonno und meiner Großmutter Giwewnëu? Warum sollte den Erzählungen eines russischen Kosaken mehr zu trauen sein, der einen Tschuktschen oder Eskimo nicht von einem Tundratier unterscheiden kann, als den Berichten, die die Ureinwohner der Tschuktschenhalbinsel über Jahrhunderte überliefert haben?
Der Nebel, der die alten Mythen einhüllt, die uns den Geist des alten Lebens überbringen, soll sich ein wenig auflösen, hell und deutlich sollen die lebendigen Gesichter meiner Vorfahren werden, auf die ich nicht weniger stolz bin als die Vertreter angesehener europäischer Familien auf ihre ehrwürdige Herkunft.

Der Autor
Mit seinen Texten bewahrt der heute 72-Jährige Juri Rytcheu die Geschichte seines kleinen Volkes vor dem Vergessenwerden. Denn der Einbruch der so genannten Zivilisation hatte katastrophale Folgen für die Tschuktschen.
Juri Rytchëu wurde 1930 in Uëlen, im äußersten Norden der Sowjetunion, als Sohn eines Jägers geboren. In einer alten tschuktschischen Behausung inmitten der alten Bräuche wuchs er auf. Erste Kontakte mit Russen und dem Russischen hatte er durch Seeleute, die hier manchmal anlegten, mit den Wissenschaftlern der Polarstation, dann aber vor allem in der Schule. Nach deren Beendigung arbeitete er als Gelegenheitsarbeiter, absolvierte ein örtliches Lehrerbildungsinstitut und studierte schließlich als offizieller Delegierter des Nationalkreises der Tschuktschen bis 1954 an der Fakultät der Nordvölker in Leningrad. Er lebt dort noch heute mit seiner russischen Frau.
Anfang der fünfziger Jahre erschienen seine ersten Erzählungen in tschuktschischer Sprache, bevor sie - später teils von ihm selber - ins Russische übersetzt wurden. Heute schreibt er seine Prosa auf russisch und übersetzt sie nur noch selten ins Tschuktschische. Während er also sprachlich eine Entwicklung vom Tschuktschischen zum Russischen vollzog, ging er inhaltlich um so mehr in die Geschichte seines Volkes und dessen mündliche Überlieferungen zurück. Den Erzählungsbänden Menschen von unserm Gestade (1953), Der Name Mensch (1955) und Tschuktschische Sage (1956) folgte 1958 der erste Teil einer episch angelegten Romantrilogie über die neuzeitliche Geschichte des Tschuktschenvolkes: Zeit der Schneeschmelze. Der zweite (1960) und dritte (1967) Band der Trilogie, die Eskimo-Erzählung Nuniwak (1962), die Romane Im Tal der kleinen Häschen (1962), Die allerschönsten Schiffe (1967), Aiwangu (1964), Traum im Polarnebel (1968), Reif auf der Schwelle (1970) und die Liebesgeschichte Weket und Agnes (1970) zeigen einen Autor, dessen Schaffen sich nach einer Periode relativ naiver Gestaltung der Tschuktschenwirklichkeit komplizierteren Konflikten und vom sozialistischen Realismus beeinflußten kompositorischen Ordnungsprinzipien zuwendet, um dann in der Bearbeitung mündlicher Überlieferungen eine Synthese tschuktschischer und russischer, mündlicher und schriftlicher Literatur zu finden: So gestaltete er den Schöpfungsmythos des tschuktschischen Volkes neu (Wenn die Wale fortziehen, 1975) und verfaßte die Tschuktschenlegende Teryky (1980) von einem unglücklichen Jäger, der sich auf einer abdriftenden Eisscholle in ein fellbewachsenes Ungeheuer verwandelt.
Juri Rytchëu lebt in Leningrad, ist aktiv in verschiedenen Organisationen der arktischen Völker und ist Herausgeber des UNESCO-Bandes Die Völker der Arktis erzählen über sich selbst.

Vieles, was über über kleine Völker geschrieben wird, ist eine Phantasie von Leuten, die durch ein Fernglas auf das Ufer schauen

Unionsverlag, 2002, 350 S.
19,80 Euro
Hardcover, aus d. Russ. v. Antje Leetz
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