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Melissa Bónya
Hexenmärchen
Kleine Kostbarkeiten


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Magie ist inzwischen ''salonfähig'' geworden - und somit auch das Thema Hexen, die in der Vergangenheit viel haben erdulden müssen - und letztlich doch nichts anderes gewesen sind als Kräuterfrauen, die mit den Kräften der Natur geheilt haben.

Kein Wunder, daß diese Frauen durch die Jahrhunderte hindurch Menschen zum Schreiben und Dichten angeregt haben. Schließlich war es kein Geringerer als Goethe, der in seinem Faust das Hexeneinmaleins verwendet hat.

Die schönsten Märchen hat die Herausgeberin Melissa Bónya aufgespürt und zusammengestellt - von Paul Heyse, Wilhelm Busch, Hermann Löns, August Kopisch, den Gebr. Grimm, u.a.

Leseprobe:
Johann Heinrich Jung-Stilling (1740 - 1817)
Jorinde und Joringel
Es war einmal ein altes Schloß mitten in einem großen dicken Wald; darinnen wohnte eine alte Frau ganz allein, das war eine Erzzauberin. Am Tage machte sie sich bald zur Katze; oder zum Hasen oder zur Nachteule; des Abends aber wurde sie ordentlich wieder wie ein Mensch gestaltet. Sie konnte das Wild und die Vögel herbeilocken, und dann schlachtete sie's, kochte und briet es. Wenn jemand auf hundert Schritte nah ans Schloß kam, so mußte er stillstehen und konnte sich nicht von der Stelle be­wegen, bis sie ihn lossprach; wenn aber eine reine keusche Jungfer in diesen Kreis kam, so verwandelte sie dieselbe in einen Vogel und sperrte sie den in einen Korb ein, in die Kammern des Schlosses. Sie hatte wohl siebentausend solcher Körbe mit so raren Vögeln im Schlosse.
Nun war einmal eine Jungfer, die hieß Jorinde; sie war schöner als alle anderen Mädchen; sie und dann ein gar schöner Jüngling namens Joringel hatten sich zusammen versprochen. Sie waren in den Brauttagen und hatten ihr größtes Vergnügen eins am anderen. Damit sie nun einmal vertraut zusammen reden könnten, gingen sie in den Wald spazieren. "Hüte dich«, sagte Joringel, »daß du nicht zu nah an das Schloß kommst!« Es war ein schöner Abend, die Sonne schien zwischen den Stämmen der Bäume hell ins dunkle Grün des Walds, und die Turteltaube sang kläglich auf den alten Maibuchen.
Jorinde weinte zuweilen, setzte sich hin in den Sonnenschein und klagte. Joringel klagte auch; sie waren so bestürzt, als wenn sie hätten sterben sollen; sie sahen sich um, hatten sich verirrt und wußten nicht, wohin sie nach Hause gehen sollten. Noch halb stand die Sonne über dem Berg und halb war sie unter. Joringel sah durchs Gebüsch und sah die alte Mauer des Schlosses nah bei sich, er erschrak und wurde todbang. Jorinde sang:
Mein Vögelein mit dern Ringelein rot,
Singt Leide Leide Leide;
Es singt dem Täubelein seinen Tod,
Singt Leide Lei - Zicküth Zicküth Zicküth.
Joringel sah nach Jorinde. Jorinde war in eine Nachtigall verwandelt, die sang Zicküth Zicküth. Eine Nachteule mit glühenden Augen flog dreimal um sie herum und schrie dreimal Schuh-hu-hu-hu. Joringel konnte sich nicht regen; er stand da wie ein Stein, konnte nicht weinen, nicht reden, nicht Hand noch Fuß regen.
Nun war die Sonne untergegangen; die Eule flog in einen Strauch, und gleich darauf kam eine alte krumme Frau aus diesem Strauch hervor, gelb und mager, große rote Augen, krumme Nase, die mit der Spitze ans Kinn reichte. Sie murmelte und fing die Nachtigall, trug sie auf der Hand fort.
Joringel konnte nichts sagen, nicht von der Stelle kommen; die Nachti­gall war fort; endlich kam das Weib wieder und sagte mit dumpfer Stimme: "Grüß dich Zachiel! Wenn's Möndel ins Körbel scheint, bind los Zachiel zu guter Stund!"
Da kam Joringel los; er fiel vor dem Weib auf die Knie und bat sie, sie möchte ihm seine Jorinde wiedergeben; aber sie sagte, er solle sie nie wiederhaben, und ging fort. Er rief, er weinte, er jammerte, aber alles umsonst. Joringel ging fort und kam endlich in ein fremdes Dorf; da hütete er die Schafe lange Zeit.
Oft ging er rund um das Schloß herum, aber nicht zu nahe heran; endlich träumte er einmal des Nachts, er fände eine blutrote Blume, in deren Mitte eine schöne große Per­le war; die Blume bräche er ab, ging damit zum Schlosse; alles, was er mit der Blume berührte, ward von der Zauberei frei; auch träumte er, er hätte seine Jorinde dadurch wiederbe­kommen. Des Morgens, als er er­wachte, fing er an, durch Berg und Tal zu suchen, ob er eine solche Blu­me fände; er suchte bis an den neunten Tag, da fand er die blutrote Blu­me am Morgen früh. In der Mitte war ein großer Tautropfen, so groß wie die schönste' Perle. Diese Blume trug er Tag und Nacht bis zum Schloß. Wie er auf hundert Schritt nahe ans Schloß kam, da wurde er nicht fest, sondern ging fort, bis ans Tor.
Joringel freute sich sehr, berühr­te die Pforte mit der Blume, und sie sprang auf. Er ging hinein, durch den Hof, horchte, wo er die vielen Vögel vernähme; endlich hörte er’s. Er ging und fand den Saal, darin war die Zauberin und fütterte die Vögel in den siebentausend Körben. Wie sie den Joringel sah, ward sie bös, sehr bös, schalt, spie Gift und Galle gegen ihn aus, aber sie konnte auf zwei Schritte nicht an ihn herankommen.
Er kümmerte sich nicht um sie und ging, besah die Körbe mit den Vögeln; da waren aber Hunderte von Nachtigallen; wie sollte er nun seine Jorinde wiederfinden? Indem er so überlegte, merkte er, daß die Alte heimlich ein Körbchen mit einem Vo­gel nahm und damit zu der Türe ging. Flugs sprang er hinzu, berührte das Körbchen mit der Blume und auch das alte Weib; nun konnte sie nichts mehr zaubern; und Jorinde stand da; hatte ihn um den Hals ge­faßt, so schön als sie ehemals war. Da machte er auch all die anderen Vögel wieder zu Jungfern und ging mit seiner Jorinde nach Hause, wo sie lange vergnügt zusammenlebten

Die Autorin
Melissa Bónya arbeitet als Reinkarnationstherapeutin und Jenseitskontakterin, hält Vorlesungen und schreibt über diese Themen, zum Teil gemeinsam mit ihrem Mann, mit dem sie in Ungarn nahe der österreichischen Grenze lebt.

Smaragd-Verlag, 2001, 62 S.
6,50 Euro
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